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Kreis Düren

Wege aus der Langzeitarbeitslosigkeit

Im Alter von 42 Jahren findet Sascha Kusber seinen ersten richtigen Job, in dem er bleiben will. Er hat nach mehreren Haftstrafen nun endlich den Halt im Leben gefunden, den er lange gesucht hat - dank der job-com des Kreises Düren. Ein Beitrag im Rahmen der Fokuswoche Langzeitarbeitslosigkeit.

Kommunale Jobcenter sind stark, sozial, vor Ort und bekämpfen erfolgreich die Langzeitarbeitslosigkeit

"Ich habe an Lebensqualität gewonnen, mehr Selbstbewusstsein und ich bin auch stolz, auf das, was ich geschafft habe", sagt Sascha Kusber, der im Alter von 42 Jahren seinen ersten richtigen Job gefunden hat, in dem er bleiben will – dank der job-com des Kreises Düren. In orangefarbener Warnweste und Arbeitskleidung steht er am Bahnsteig in Huchem-Stammeln und erzählt von seinem bewegten Leben, das geprägt ist von Leid, Scheitern und mehreren Haftstrafen. Es ist aber auch ein Leben, das er nun wieder selbst in der Hand hat, zum ersten Mal Erfolg erlebt und mit Freude in die Zukunft blickt. "Ich habe mich für die Flucht nach vorne entschieden und bin froh, dass ich diese Chance hier bekommen habe", sagt Sascha Kusber, der heute in Düren wohnt. 

Sascha Kusber hat endlich eine feste Arbeitsstelle - bei der Rurtalbahn - gefunden, die ihm Spaß macht.

Normalerweise steht er nicht oben am Bahnsteig, sondern unten im Gleisbett und kümmert sich im Auftrag der Rurtalbahn um die Pflege der Gleise und der angrenzenden Grünflächen. Sein (Arbeits-)Leben verläuft nun seit rund drei Jahren – wörtlich – in geregelten Bahnen. Sascha Kusber fühlt sich hier sichtlich wohl. Dass er überhaupt in einen Beruf findet, schien für ihn lange ausgeschlossen. Nach der neunten Klasse beendete er ohne Abschluss die Hauptschule, macht keine Ausbildung, bricht Helfertätigkeiten in verschiedenen Handwerksbereichen immer wieder ab. Egal ob auf dem Bau, in der Verpackungsbranche oder als Maler – Fußfassen kann er nirgends – auch wegen seiner Haftstrafen. "Ich habe viel Mist gemacht in der Vergangenheit", sagt er. Er beging Diebstähle, Einbrüche, war in Schlägereien verwickelt. Sein äußeres Erscheinungsbild mit Piercings und Tattoos ist für viele ebenfalls gewöhnungsbedürftig. "Ich hatte zu den Arbeitgebern kein Vertrauen mehr und meistens aufgrund meiner Vergangenheit Ablehnung erfahren", erinnert sich Kusber, der seit 2005 keine Beschäftigung hatte, rund 14 Jahre arbeitslos war und Grundsicherung bezog. 

"Dann wieder in den Beruf einzusteigen, ist sehr schwierig", weiß sein ehemaliger Fallmanager bei der job-com des Kreises Düren, Michael Winkler. Er betreute Sascha Kusber und versuchte, ihn wieder in das Berufsleben zu integrieren. "Herr Kusber war schon bemüht, er ist sehr ruhig, freundlich und zuverlässig und hat alle Auflagen erfüllt, aber trotz verschiedenster Unterstützungsangebote der job-com gelang es mit einer Beschäftigungsaufnahme bis 2017 nicht." In seinem privaten Umfeld fand er lange Zeit keinen Halt, da es dort vielen erging wie ihm: kaum Motivation, wenig Antrieb. Ein Teufelskreis.

Kusbers neues Leben nimmt Fahrt auf

Vor rund vier Jahren beginnt er, aus diesem Teufelskreis auszubrechen. Er nimmt auf Initiative des Fallmanagements an dem Projekt der job-com "MILA" bei der Dürener Gesellschaft für Arbeitsmarktförderung (DGA) teil. MILA steht für "Motivation, Integration, Lebensorientierung und Aktivierung". Bei diesem Coaching steht nicht nur die Vermittlung ins Arbeitsleben im Mittelpunkt, sondern das ganze Leben der Kundinnen und Kunden wird in den Blick genommen. Hierbei sollen die eigenen Ressourcen gestärkt werden. So auch bei Sascha Kusber. Denn nach diesem Projekt, das ihn auf das, was kommt vorbereitet hat, nimmt sein neues Leben Fahrt auf.

Dank des Teilhabechancengesetzes findet er wieder in den Beruf – bei der Rurtalbahn. "Das Teilhabechancengesetz sorgt dafür, dass Arbeit gefördert wird, nicht die Erwerbslosigkeit", sagt Melanie Hinzen vom Arbeitgeberservice der job-com des Kreises Düren. "Das Ziel dieses Gesetzes ist es, die Chancen auf eine nachhaltige Beschäftigung für diejenigen zu verbessern, die sehr lange arbeitslos waren und dem Arbeitsmarkt fern sind." Das betrifft oft Menschen, die keinen Berufsabschluss haben, darunter auch viele ältere. Wer im Kreis Düren in diese geförderte Beschäftigung vermittelt wird, war zuvor im Durchschnitt mehr als 11 Jahre arbeitslos. "Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der job-com zeigen den Menschen, die oft einen schweren Lebensweg hinter sich haben, neue Perspektiven auf. Das ist eine extrem wichtige Aufgabe, die dann gelingen kann, wenn alle an einem Strang ziehen", sagt Landrat Wolfgang Spelthahn.

 

Dank der job-com, der Rurtalbhan und der DGA hat Sascha Kusber (vorne) neue Lebensqualität gewonnen. Christoph Göddecke (Rurtalbahn), Melanie Hinzen (job-com Kreis Düren), Marie Zeppenfeld (Rurtalbahn) und Ulf Füten-Helbing freuen sich über den Erfolg.

Seit dem 1. Januar 2019 ist das Teilhabechancengesetz in Kraft, ein perfekter Zeitpunkt im Leben von Sascha Kusber. Nachdem er an einem weiteren Projekt namens „Neuanfang“ teilnahm und anschließend ein Praktikum bei seinem heutigen Arbeitgeber absolvierte, konnte er dank das Teilhabechancengesetzes im Juni 2019 bei der Rurtalbahn beschäftigt werden. Es sei „ein mega Gefühl“ gewesen, den Arbeitsvertrag zu unterschreiben. Ihm wurde, wie bislang rund 200 Menschen im Kreis Düren, eine derartige Beschäftigung von der job-com vermittelt, die bis zu fünf Jahre gefördert wird. Dabei bezuschusst die job-com in den ersten beiden Jahren 100 Prozent des Arbeitsentgelts, im dritten Jahr 90 Prozent, im vierten 80 Prozent und im fünften Jahr 70 Prozent. Ein Vorteil nicht nur für den Arbeitgeber, sondern auch die Arbeitnehmer, die ohne dieses Gesetz vermutlich keine Chance auf dem regulären Arbeitsmarkt hätten. "Der große Pluspunkt ist außerdem, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein ganzheitliches beschäftigungsbegleitendes Coaching währenddessen bekommen. Sie haben also immer einen Ansprechpartner für einen regelmäßigen Austausch. "Der Coach ist regelmäßig auch mit dem Arbeitgeber in Kontakt", erklärt Melanie Hinzen. Bereits während des vorbereitenden Trainings "Neuanfang" und im anschließenden Praktikum erfuhr Herr Kusber Betreuung durch seinen Coach bei der DGA.  

"Ich hatte keine Erwartungen an die Arbeit bei der Rurtalbahn und war positiv überrascht", sagt Kusber. Zu seinen ersten Tätigkeiten gehörte unter anderem, die Bahnsteige sauber zu halten. "Die Arbeitskollegen waren sehr nett und die tägliche Beschäftigung tat gut." Das Coaching half und hilft ihm im Alltag. "Wir wollen die Menschen stärken. Am Anfang haben wir auf die Stärken und Schwächen von Herrn Kusber geguckt. Er hat eine sehr gute Arbeitsmoral und bisher nicht einmal verschlafen", sagt Ulf Füten-Helbing, Coach der DGA. "Es ist für viele eine große Herausforderung nach langer Arbeitslosigkeit wieder in einen geregelten Alltag zu finden. Auch im privaten Umfeld können Schwierigkeiten auftreten, die einen aus der Bahn werfen. Dann suchen wir gemeinsam nach Lösungen." Das war auch bei Sascha Kusber der Fall. Seine Frau, mit der er mehr als zwanzig Jahre verheiratet war, verstirbt während seines ersten Arbeitsjahres. „Das war eine sehr schlimme Zeit. Die Arbeit hat mir aber tatsächlich geholfen. Statt den Kopf in den Sand zu stecken, habe ich mich in Arbeit vergraben. Das tat mir gut, damit ich nicht wieder abrutsche“, erinnert er sich. Auch die Kollegen und der Coach seien eine sehr gute Stütze gewesen. „Er hat sich nicht entmutigen lassen, auch wenn es schwer war. Das ist nicht selbstverständlich und verdient Anerkennung“, sagt Füten-Helbing.

"Man wird gebraucht, das ist ein tolles Gefühl"

Mit jedem Tag, der er arbeitet, entwickelt er sich weiter, schafft mehr Selbstvertrauen, sieht, dass es klappt. Er steigt schnell nach internen Fortbildungen von der Bahnsteiggruppe in die Grünschnitttruppe auf, wo er mehr Verantwortung und anspruchsvollere Aufgaben übertragen bekommt. Er macht unter anderem den Führer- und den Kettensägenschein, darf die Firmenfahrzeuge und -geräte bedienen. Diese Fortbildungen und Qualifikationen sind wichtige Bestandteile des Teilhabechancengesetzes. „Man wird gebraucht, das ist ein schönes Gefühl“, sagt Kusber. 

Die Rurtalbahn freut sich über den Zuwachs im Team durch das Teilhabechancengesetz. Insgesamt drei Mitarbeiter sind über diesen Weg zur Rurtalbahn gekommen. „Uns interessiert nicht, wer die Menschen gestern waren, sondern wer sie heute sind und morgen sein wollen“, sagt Christoph Göddecke, Geschäftsbereichsleiter Infrastruktur und Eisenbahnbetriebsleiter bei der Rurtalbahn. „Es funktioniert. Wir können so den Menschen bei ihrem Weg helfen. Durch die Unterstützung der job-com ist es zudem ein risikoloser Weg für das Unternehmen. Wir machen sehr positive Erfahrungen mit den Mitarbeitern.“ Auf mehr als 100 Kilometern Streckennetz gebe es auch genügend zu tun. 

„Ich bin froh, über die Chance, die ich hier bekommen habe. Ich würde gerne hier bleiben. Ich kann nur jedem raten, sich nicht entmutigen zu lassen. Und wenn man etwas gefunden hat, was passt: einfach durchziehen.“ Nach mehr als 14 Jahren, in denen er SGB II-Leistungen (Hartz IV) bezogen hat, schaffte Sascha Kusber sich davon loszulösen und sein eigenes Geld zu verdienen – von dem er nun mehr hat. 

„Herr Kusber hat alles richtig gemacht und sich nicht entmutigen lassen. Eine feste Arbeit wirkt sich auf das Selbstwertgefühl aus und das gute Gefühl, das man erhält, überträgt sich auch in das Privatleben. Diese Erfolge freuen uns besonders und sind auch eine Bestätigung für unsere Arbeit", sagt Martina Forkel, Leiterin der job-com des Kreises Düren.

 

Die Fokuswoche Langzeitarbeitslosigkeit im April

Die job-com des Kreises Düren beteiligt sich an der Fokuswoche Langzeitarbeitslosigkeit, die vom NRW-Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales gemeinsam mit der Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit ins Leben gerufen wurde. Vom 4. bis zum 8. April stellen die Jobcenter im Land, so auch die job-com des Kreises Düren, die vielen verschiedenen und erfolgreichen Wege aus der Arbeitslosigkeit vor. Die Corona-Pandemie hatte zu einem deutlichen Anstieg der Langzeitarbeitslosigkeit geführt. So waren im März laut Arbeitsministerium knapp 309.000 Menschen in NRW länger als ein Jahr arbeitslos gemeldet. Im Vergleich zum Vergleichsmonat vor der Pandemie, März 2020, stieg die Zahl der Langzeitarbeitslosen damit um fast 28 Prozent. Seit Beginn des Jahres gelingt es dank der Jobcenter, langsam die Arbeits- und Langzeitarbeitslosigkeit zu reduzieren. So verringerte sich die Anzahl arbeitsloser Menschen in NRW zwischen Januar und März dieses Jahres um 17.870 auf nun 652.863 Arbeitslose. In der Fokuswoche zeigen die kommunalen Jobcenter, so auch die job-com des Kreises Düren, einige Positivbeispiele aus ihrer Praxisarbeit. Mehr zur Arbeit der job-com unter  www.kreis-dueren.de/jobcom (Öffnet in einem neuen Tab)

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