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Kreis Düren

Manchmal sind sie auch Lebensretterinnen

Ulla Wiesbrock-Schmidt und Sabine Wainwright-Malies arbeiten als Familienhebammen für den Kreis Düren. Besondere Erlebnisse.

"Wir lassen keine Frau hängen"

Die Familienhebammen des Kreises Düren Ulla Wiesbrock-Schmidt (l.) und Sabine Wainwright-Malies helfen Frauen und Familien in besonderen Lebenslagen.

"Ihr rettet unser Leben”. An diesen Satz erinnert sich die Familienhebamme Ulla Wiesbrock-Schmidt sehr genau. Er stammt von einer jungen Mutter, die ohne Hilfe mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht den Weg in ein geregeltes Leben gefunden hätte. Es sind Sätze wie diese, die noch einmal mehr verdeutlichen, wie wert-voll und wichtig die Arbeit von Ulla Wiesbrock-Schmidt und Sabine Wainwright-Malies ist. Sie sind die Familienhebammen des Kreises Düren und helfen Schwangeren, Müttern und Eltern, deren Lebensumstände besonders schwierig sind, ihren Alltag zu meistern. Die Geschichten hinter den Schicksalen sind teilweise sehr bedrückend und bewegend.

„Es gibt Schwangere, die noch Teenager sind. Es gibt Väter, die ihre Vaterschaft nicht anerkennen wollen. Wir begleiten Frauen, die vergewaltigt wurden und ein Kind erwarten. Auch Gewalt in der Partnerschaft und Gewalt gegen das Baby gehören zu den Problemen, mit denen wir es zu tun haben. Geflüchtete Mütter, Mütter mit einer psychischen Erkrankung oder Kinder mit Behinderung – das alles sind Beispiele für die Herausforderungen, mit denen wir die Frauen und Familien nicht allein lassen und ihnen Wege aufzeigen, wie sie ihren Alltag bestreiten können”, sagt Ulla Wiesbrock-Schmidt.

Von der Schwangerschaft bis zum ersten Geburtstag stehen die beiden Familienhebammen, wenn gewünscht, zur Seite und beraten und unterstützen niederschwellig unbürokratisch – entweder während der Hausbesuche oder in ihren Sprechstunden. „Viele sind verständlicherweise überfordert mit dem Papierkram oder wissen nicht, welche Angebote es im Kreis Düren gibt, die ihnen weiterhelfen können. Wir sehen uns als Vermittlerinnen und helfen bei der Organisation und Struktur des Lebens”, sagt Sabine Wainwright-Malies. Sie beantworten nicht nur die vielen Fragen der Schwangeren und Mütter, sondern unterstützen teilweise auch beim Ausfüllen von Formularen, bei Kita-Anmeldungen, begleiten bei Arztgängen oder gehen sogar mit in die Drogerie zum Einkaufen, um zu zeigen, welche Nahrungsmittel gut für das Kind sind und welche lieber vermieden werden sollten. Es ist eine sehr praktische Arbeit.

Allerdings sind sie explizit als Familienhebammen im Ein-satz, das Kind auf die Welt zu holen oder die Wochenbettbetreuung, also die Nachsorge nach der Schwangerschaft, übernehmen die beiden nicht. Sie sind als Ergänzung in den Familien im Einsatz, die aufgrund der erschwerten Lebenssituation mehr Hilfe benötigen als andere.

Beide Familienhebammen haben rund 30 Jahre zuvor als selbst-ständige Hebamme gearbeitet, haben sehr viel Erfahrung und sich ein breites Netzwerk an Kontakten aufbauen können. „Daher können wir auch schnell und unkompliziert die Ansprechpersonen finden, die in bestimmten Lagen weiterhelfen können. Wir wissen, wie schwierig es ist, Hebammen zu bekommen, der Mangel ist da und ernst”, sagt Ulla Wiesbrock-Schmidt und ergänzt: „Wir können unseren Hebammenblick natürlich nicht abstellen und lassen keine Frau hängen. Bei Bedarf können wir in Ausnahmen auch medizinisch weiterhelfen.”

Flexibel, eigenverantwortlich und empathisch zu arbeiten, das sind wichtige Basisvoraussetzungen für ihre Tätigkeit. Um den Job auszuüben, braucht es eine rund eineinhalb-jährige Weiterbildung, die mit einer Facharbeit abgeschlossen wird. Das Hilfsangebot des Kreises ist für die betroffenen Frauen freiwillig und ohne Verpfl ichtungen. Der Präventionsgedanke steht im Vorder-grund. Es geht darum, die (werdenden) Mütter von Anfang an zu begleiten, ihre Sorgen und Leiden zu vermindern und in Zukunft, wenn möglich, ganz zu verhindern – nach dem Motto: Vorsorge ist besser als Nachsorge. Das ist auch der Ansatz der Frühen Hilfen. Das Team der Frühen Hilfen besteht aus den Familienhebammen und aus Familienkinderkrankenschwestern.

Kontakteknüpfen ist sehr wichtig

Die Zusammenarbeit laufe sehr gut, betonen die beiden Familienhebammen, die im Gesundheitsamt angesiedelt sind, während die Familienkinderkrankenschwestern dem Amt für Demografie, Kinder, Jugend, Familie und Senioren angehören. Die Verbindung ist sehr eng und der gute Austausch immer gewähr-leistet. Von den Frühen Hilfen gibt es Angebote, die bei dem neuen Lebensabschnitt unterstützen, wenn Eltern Entlastung brauchen, Beratung wünschen oder Spielgruppen suchen und Kontakte knüpfen möchten. „Oft sind die betroffenen Frauen isoliert. Wir können hier einen Anstoß geben, sich mit anderen auszutauschen und die Möglichkeit geben, etwas Neues zu erleben und außerhalb der gewohnten Umgebung Halt zu fi nden”, weiß Sabine Wainwright-Malies. So können sich die Mütter und Väter in den Schnullercafés, die in vielen Kommunen des Kreises Düren angeboten werden, aus-tauschen oder beispielsweise auch bei Geburtsvorbereitungskursen kennenlernen, die von Zeit zu Zeit von den Familienhebammen angeboten werden. Teilweise waren sie auch in Flüchtlingsunterkünften und informierten dort mit Hilfe von Dolmetschern die Frauen über Angebote und beantworteten Fragen. Denn besonders diejenigen, die hier eine neue Heimat finden möchten, kennen sich mit dem System, den Angeboten und Beratungsstellen weniger aus.

Gut, wenn da die Familienhebammen helfen können – egal aus welcher schwierigen Situation sich die Betroffenen befreien möchten.„Es ist schön, wenn man nach einem Jahr die Verbesserung sieht, die allein so nicht möglich gewesen wäre”, erinnert sich Sabine Wainwright-Malies an einen bestimmten Fall. „Wir haben gemein-sam einen Kita-Platz organisiert, eine Ausbildung für die Mutter ge-funden, den Umzug weg von dem gewalttätigen Vater geregelt. Das ist ein sehr gutes Gefühl, wenn man das bewirken kann.” Es gehe darum, einen Anstoß zu geben, wie Mütter sich richtig und dauerhaft um ihr Kind kümmern können. Dabei ist jede Frau, jede Mutter, jedes Kind und jede Familie individuell. Kein Tag ist wie der andere bei den beiden Familienhebammen. Wenn ihre Hilfe gefragt ist, wird in der Regel zunächst ein Termin für ein Vorgespräch vereinbart. „Dann lernen wir uns alle erst einmal kennen und besprechen, wel-che Ziele erreicht werden wollen und dann gucken wir gemeinsam, wie wir weitermachen”, sagt Ulla Wiesbrock-Schmidt.

Nah an den Familien

Sie und ihre Kollegin haben je eine halbe Stelle und betreuen meist um die 14 bis 18 Familien. Die Schwangerschaftsberatungsstellen, Ärzte, Krankenhäuser oder Hilfsorganisationen und Verbände kennen das Angebot der Hebammen und leiten die Betroffenen weiter. Aber auch die Nähe zu der Verwaltung ist ein Vorteil. So können die Hürden, die die Familien beschäftigen, beispielsweise an das Amt für Demografie, Kinder, Jugend, Familie und Senioren gespiegelt werden und bürokratische Abläufe verbessert werden. Generell ist der Draht zum Fachamt sehr eng, alle arbeiten gemeinsam daran, dass es den Familien im Kreis Düren gut geht. „Wir sind sehr nah bei den Familien, kennen die Strukturen und können durch unsere Erfahrung sehr gut einschätzen, welche Unterstützung gebraucht wird. Das ist ein Vorteil, der sehr entscheidend ist, um die Familien und Frauen zu stärken, denn der Blick von außen täuscht häufig”, sagt Sabine Wainwright-Malies und hat schon durch ihre Einschätzung gesorgt, dass Mutter und Kind zu Recht nicht getrennt werden. „Frauen sind unheimlich stark. Es beeindruckt mich sehr zu sehen, dass, nach all dem, was sie durchgemacht haben, die Frauen und Mütter weiter machen und kämpfen. Wir sind dafür da, starke Frauen zu stärken”, ergänzt Ulla Wiesbrock-Schmidt.

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