Spannende, aber auch herausfordernde Zeiten
Frau Rutwalt-Berger, wie blicken Sie auf die Zeit am Nelly-Pütz-Berufskolleg zurück?
Kerstin Rutwalt-Berger: Es war eine sehr intensive Zeit. Es passiert immer etwas an einer Schule. Ein Jahr braucht man in der Regel, um sich vollständig einzuarbeiten. Das war auch bei mir so – und dann kam Corona. Als diese Herausforderung bewältigt war, hatten wir 2022 eine Amok-Drohung. Glücklicherweise ist an dem Tag nichts passiert, aber das alles hat uns viele Tage und Wochen danach noch ordentlich durcheinander gebracht. Das waren die größten Ereignisse.
Wie haben Sie solche Herausforderungen bewältigt?
Mit einem guten Team – und damit meine ich alle an der Schule und in unserem Umfeld. Hausmeister, Sekretariate, Kollegium, Schülerschaft, Schulsozialarbeit, Schulaufsicht und auch unsere Ansprechpersonen beim Kreis Düren als Träger sind bei solchen Herausforderungen wichtige Elemente. Man kann nur ruhig, konzentriert und Stück für Stück die Dinge angehen und lösen.
Haben sie das Gefühl, dass die Herausforderungen mehr werden und schneller kommen?
Die Belastung, die junge Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen spüren, nimmt aus meiner Sicht zu. Dabei möchte ich ganz klar betonen, und das ist mir sehr wichtig: Ich finde es vollkommen unangebracht, dass derzeit so viel geschimpft wird über diese Generation. Das ist unfair. Wenn ich sehe, was unsere Schülerinnen und Schüler leisten, die ja vor allem im sozialen und pflegerischen Bereich ausgebildet werden, dann kann ich nur den Hut ziehen. Die kümmern sich, werden als Erziehende und Pflegende aktiv, sorgen für andere. Da fehlt meiner Meinung nach häufig die gesellschaftliche Wertschätzung.
Bei Ihrer Verabschiedung in der Schulaula hat sich dieser Eindruck auch bestätigt, denn die Schülervertreterinnen haben betont, wie sehr sie es schätzen, dass auch Sie als Schulleiterin immer ein offenes Ohr hatten.
Das war und ist mir auch immer sehr wichtig gewesen, den Kontakt zu haben und in der Pause mit den Schülerinnen und Schülern zu sprechen. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass der Lehrberuf eine wunderbare Tätigkeit ist und ein Leben lang trägt – besonders durch die Arbeit mit jungen Menschen. Es kommen immer wieder Glücksmomente, die zeigen, wofür man die Arbeit macht. Mir war nicht einen Tag langweilig und ich konnte gemeinsam mit dem wirklich sehr guten, motivierten und auch belastbaren Kollegium viel gestalten. Ich blicke auf die vielen schönen Dinge zurück und die Zeit wird mir positiv in Erinnerung bleiben.
Welche Rolle spielen die Berufskollegs in der deutschen Bildungslandschaft?
Die Berufskollegs ermöglichen es den Schülerinnen und Schülern, sich intensiv und vor allem praktisch auf den Beruf vorzubereiten. Sie können sich ausprobieren und die Theorie gleich anwenden. Wir haben keinen Bildungsgang ohne Praktikum. Das ist für die spätere Berufswelt von enormem Vorteil. Und auch können so erste Kontakte geknüpft und ein Netzwerk aufgebaut werden. Ich bin ein Fan von diesem dualen System in Deutschland, um das uns übrigens viele andere Länder beneiden.
Das Nelly-Pütz-Berufskolleg weist seit Jahren konstante Schülerzahlen auf. Dennoch ist der Platz begrenzt, weshalb im Dürener Innovationsquartier am Bahnhof der Neubau der Schule entsteht. Es ist mit 80 Millionen Euro das größte Bauprojekt des Kreises Düren. In wie weit konnten Sie mitgestalten?
Ich freue mich sehr, dass die Schule ein neues, geräumiges zu Hause bekommt, denn die rund 1200 Schülerinnen und Schüler brauchen Platz. Wir waren insbesondere bei der Raumgestaltung eingebunden und konnten einbringen, welche Bedürfnisse bestehen und wie dem gerecht werden kann. Ich habe es immer als sehr gute Zusammenarbeit aller Beteiligten empfunden. Der erste Eindruck ist schon wunderbar, die Räume werden sehr hell und es gibt eine moderne Aufteilung. Ich freue mich auf die Eröffnung.
Für die Zukunft ist ein weiteres Thema wichtig, Stichwort Künstliche Intelligenz. Wie befasst sich das Nelly-Pütz-Berufskolleg mit den Entwicklungen?
Wir waren von Anfang an offen für Neues und haben beispielsweise direkt im Unterricht ChatGPT thematisiert. Während der pädagogischen Tage beschäftigen wir uns ebenfalls damit, denn es wäre nicht gut, die Entwicklungen einfach zu ignorieren und nicht zu nutzen. Dennoch muss man das Thema pädagogisch aufbereiten. KI kann sehr gewinnbringend für Schülerinnen und Schüler sein und beim Lernen unterstützen. Sie zeigt Schwerpunkte auf, wo noch Schwierigkeiten sind und hilft beispielsweise beim alleinigen Üben. Bei Hausaufgaben ist dann aber die Frage: Machen diese noch Sinn? Gleichzeitig muss man auch entsprechende Prüfungsformate entwickeln, damit man ausschließen kann, dass nicht alles von der KI geschrieben wurde. Ich denke, das Berufskolleg ist da auf einem guten Weg und ich bin gespannt, wo es hingeht.
Würden Sie mit dem Wissen von heute noch einmal die Aufgabe der Schulleitung übernehmen?
Die großen Krisen müsste ich nicht nochmal haben, aber der Beruf hat mich sehr erfüllt. Ich konnte viel gestalten und bewegen und die Schülerinnen und Schüler geben auch viel zurück. Ich hatte das Glück, ein ganz ausgezeichnetes Kollegium um mich zu haben, das motiviert ist, belastbar und viel mitgetragen hat. Dafür kann ich mich bei allen nur von Herzen bedanken für die wunderbare Zeit.
Wie geht es für Sie jetzt weiter?
Ich werde erstmal die freie und ungebundene Zeit genießen und viel Reisen. Ich habe bald vier Enkelkinder und da ist auch immer was zu tun, worauf ich mich sehr freue. Ich könnte mir vorstellen, auch in Zukunft in Schulen ehrenamtlich tätig zu sein, als Lesepatin oder für Nachhilfe. Dann aber eher in der Nähe von meinem Wohnort in Köln.

